Fallbeispiele
Die Muster, die unser Leben prägen, bleiben uns oft lange verborgen. Im Laufe unseres Lebens werden sie Teil unserer Identität.
Meist beginnen wir erst dann, sie zu hinterfragen, wenn wir in eine Krise geraten oder in einen Konflikt. Hier beginnt die Biographische Arbeit.
Was äußerlich sichtbar wird, verweist oft auf einen tieferliegenden inneren Konflikt – einen, der in unserer eignen Geschichte wurzelt: im Elternhaus, in der Familie und in der Sozialisation, die uns geprägt hat.
Für Menschen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind, gilt das in besonderer Weise. Erfahrungen unserer Großeltern, insbesondere die Verlust und das Trauma des zweiten Weltkrieges, tragen wir in uns. Unsichtbares Reisegepäck, das einen ungeahnten Einfluss auf unser Leben hat.
Auf dieser Seite teile ich Fallbeispiele aus meiner Praxis – anonymisiert und verdichtet.
Innere Taubheit, Überforderung, Autopilot
Situation
Ein Neubau mit einem Volumen von 1,2 Millionen Euro, dessen Fertigstellung sich um anderthalb Jahre verzögerte — begleitet von nicht eingehaltenen Zusagen, Fehlern in den Gewerken, unklaren Verantwortlichkeiten und anwaltlicher Klärung.
Prozess
Warum fällt es so schwer, Forderungen zu stellen?
Warum werden Aussagen nicht geprüft, nicht hinterfragt, nicht angezweifelt?
Wo zeigt sich dieses Muster noch?
Wo hat es sich bereits früher gezeigt — in anderen Projekten, in anderen Konstellationen, in anderen Entscheidungen?
Biographische Arbeit
Der Blick richtet sich auf die Kommunikationsstrukturen der Eltern, insbesondere auf ihren Umgang mit Konflikten und die Verweigerung, sich ihnen überhaupt zu stellen.
So wurde erkennbar, wie nachhaltig dieses Muster das eigene Verhalten unbewusst geprägt hat.
Herausforderung
Der Verlust der Handlungsfähigkeit. Das unmerkliche Abgleiten in eine Überforderung, die lange unerkannt bleibt. Ein Zustand, in dem kaum mehr entschieden, sondern fast ausschließlich reagiert wird — und das Verharren in einem vertrauten Muster, das sich zwar andeutet, sich jedoch aus eigener Kraft weder in Worte fassen noch verändern lässt.
Erkenntnisse
Was im eigenen Wertesystem selbstverständlich ist, wird stillschweigend auch bei anderen vorausgesetzt: dass Versprechen gelten, Verantwortung übernommen wird, aufrichtig gehandelt wird.
Dass andere einer gänzlich anderen Agenda folgen, Fehler verschweigen oder sich hinter Ausreden verbergen, lag lange außerhalb der eigenen Wahrnehmung.
Kontext
Warum werden Konflikte um jeden Preis vermieden.
Jede noch so geringe Eskalation nach Möglichkeit auf eigene Kosten abgewendet
Ergebnis
Bewusstes Innehalten und Rückschau wurden zu festen Bestandteilen des Prozesses.
Das regelmäßige Schreiben eines Tagebuchs fand Eingang in den Alltag und eröffnete Räume vertiefter Selbstreflexion.
Die dabei gewonnenen Erkenntnisse wurden in die One-to-One-Sitzungen eingebracht und durch Übungen und Visualisierungen weiter vertieft.
Autorität, Hierarchie, Macht
Situation
Widersprüchliche und unklare Aussagen von Vorgesetzten — ohne dass jemand Verantwortung übernahm. Kein Handlungsspielraum. Die Unmöglichkeit, Kritik überhaupt zu äußern — weder zu wissen, ob, noch wann, noch wie.
Prozess
Warum ist es so schwer, Vorgesetzte kritisch zu betrachten?
Wann darf Kritik geäußert werden — und wie?
Biographische Arbeit
Der Blick richtet sich auf die Erfahrungen in der Schule — das Aufwachsen in einem Regime, in dem es unmöglich war, den Status quo in Frage zu stellen.
Dessen Missachtung ungeahnte Konsequenzen haben konnte: für einen selbst, die Familie, die Zukunft.
Ein Gefühl tiefverwurzelter Angst, das jeden anderen Umgang mit Autorität von vornherein ausschloss.
Herausforderung
Stille Verweigerung. Unzufriedenheit. Täglich enorme Kraft aufwenden, um sich in diese Situation hineinzubegeben — bis sie sich körperlich bemerkbar machte. Dem Unbehagen innerlich keine Form geben können. Die Unfähigkeit die eigenen Gefühle wahrzunehmen oder zu benennen.
Erkenntnisse
Das Gefühl erlauben, in diesen Momenten die Situation hinnehmen zu müssen. Keine Wahl zu haben. Dass Veränderung unmöglich scheint. Über die biographische Arbeit die Erkenntnis, warum man sich diese Gefühle vollkommen ausgeblendet hat — und dieses Muster nun in einen Kontext stellen.
Kontext
Zu erkennen, dass diese Prägung gegenwärtig ist — und wie stark sie das eigene Denken und Handeln bestimmt. Zu sehen, wie diese unausgesprochene Angst in der gegenwärtigen Realität weiterwirkt. Und: dass sich dasselbe Muster im Alltag und im Umgang mit der eigenen Familie spiegelt. Dass rückblickend viele Entscheidungen Sinn ergeben — und das eigene Verhalten sich eindeutig zuordnen lässt.
Ziel
Eher zu beobachten als zu reagieren. Eine eigene klare Kommunikation und Strategie entwickeln.
Forderungen stellen.
Eigene Bedingungen formulieren — und die Frage: Was will ich eigentlich?
Ein Blick in den Schatten
An dieser Stelle möchte ich auf das Werk von Marie-Louise von Franz verweisen — ihre tiefenpsychologische Deutung von Märchen, die sie über Jahrzehnte eng an der Seite von C. G. Jung entwickelte. Sie verstand Märchen als den reinsten Ausdruck kollektiver unbewusster Prozesse: Jede Figur — Held, Widersacher, Helfer — repräsentiert einen Aspekt der menschlichen Psyche. Nicht die Geschichte anderer, sondern das Innenleben eines einzigen Bewusstseins, das sich in Bildern entfaltet. In diesem Sinne sind Märchen psychologische Landkarten — überlieferte Zeugnisse menschlicher Entwicklungsprozesse, die uns noch heute Orientierung geben können.
In der biographischen Arbeit werfen wir früher oder später einen Blick in unseren Schatten. Jene Anteile unserer Persönlichkeit, die uns fremd oder unangenehm sind — die wir zu kontrollieren, zu unterdrücken oder zu verleugnen suchen. Genau darin liegt ihre Macht: Sie bestimmen unser Handeln und Denken, solange wir uns nicht gut vorbereitet in diese Dunkelheit wagen.
Daher folgt meine Arbeit einem zweifachen Ansatz: sich zugleich der eigenen Stärken bewusst machen, dabei neue Fähigkeiten zu entwickeln — um dann mit wachsender Leichtigkeit den Blick in den Spiegel zu wagen. Echte Veränderung setzt beides voraus. Wer das eine ohne das andere verspricht, verkauft, mit Verlaub, des Kaisers neue Kleider.
Flurfunk, Orientierungslosigkeit, Erschöpfung
Situation
Kollegen, die sich in der Küche, im Flur, an den Arbeitsbereichen begegnen — um über die Inkompetenz der Vorgesetzten zu klagen, übereinander zu lästern, sich gegenseitig das Leben schwer zu machen. Verbal unprofessionelles Verhalten, das sich als Normalzustand etabliert hat. Und niemand sagt etwas — aus Angst, selbst ins Fadenkreuz zu geraten.
Prozess
Was passiert in solchen Momenten?
Was genau wird bewertet, an anderen an sich selbst?
Welche Bedeutung wird diesen Begegnungen zugesprochen?
Biographische Arbeit
Die biographische Arbeit führt in eine unerwartete Tiefe. Die Frage, warum es so schwer ist, in solchen Momenten bei sich selbst zu bleiben — eine andere Meinung zu haben, Kritik überhaupt zu äußern — verweist zurück in die Kindheit: in die Erfahrungen im Elternhaus, in die Sozialisation als Teenager in der ehemaligen DDR.
Das unausgesprochene Verbot, die eigene Meinung ohne Bedenken zu äußern.
Herausforderung
Anstatt einfach zur Arbeit zu kommen und gute, kreative Arbeit zu leisten, fließt ein großer Teil der Aufmerksamkeit darauf, sich diesen Gesprächen bewusst zu entziehen — zu vermeiden mit einbezogen zu werden, oder selbst zum Ziel zu werden. Ein Schutzmechanismus, der sich langsam aufgebaut hat: Isolation, Unnahbarkeit, mitunter sogar der Eindruck entsteht unfreundlich zu sein.
Erkenntnisse
Sich bewusst zu werden, was in diesen wenigen Minuten genau geschieht. Die unterschiedlichen Gefühle und Empfindungen zu ordnen — zu erkennen, was und in welchem Maße über Jahre verdrängt wurde. Auch mit dem Gedanken, dass es nicht wichtig sei. Und im zweiten Schritt: warum diese widersprüchlichen Gefühle so belastend sind — und vor allem, warum sie sich bislang der bewussten Wahrnehmung entzogen haben.
Kontext
Sich der Vielzahl der unterschiedlichen Konflikte bewusst zu werden, die sich in Bruchteilen von Sekunden entfalten. Reale Befürchtungen und unbewusste Ängste prallen aufeinander. Scheinbar etwas tun zu müssen, was man innerlich zutiefst ablehnt. Die Bedeutungen, die sich ineinander flochten haben, Erinnerung und Gegenwart voneinander zu trennen.
Ziel
Ein souveräner Umgang in der Kommunikation mit Kollegen.
Präsent und fokussiert bleiben.
Gesprächen bewusst eine andere Richtung geben.